„Andacht und Begeisterung” (BNN)
Christen und Klassikfreunde haben am Karfreitag üblicherweise die Wahl zwischen Bach und Bach — zwischen der Johannes- und der Matthäuspassion. Ein kleines Quäntchen der Matthäuspassion präsentierte der Kammerchor der Christuskirche tatsächlich, nämlich „O Haupt voll Blut und Wunden“ — allerdings als Bestandteil der „Via Crucis“ von Franz Liszt, der außerdem den Bach-Choral „O Traurigkeit, o Herzeleid“ zitiert.
Carsten Wiebusch gibt mit seinem Kammerchor zurzeit wegen des Umbaus der Christuskirche Gastkonzerte. Das Passionskonzert fand in der Markuskirche am Yorckplatz statt — auch deshalb passend, weil das zweite Werk, die Choral-Passion op.7 von Hugo Distler, etwa zeitgleich mit dem Kirchenbau, nämlich 1932, entstand. Wiebusch hatte allerdings die „Via crucis“ quasi als Intermezzo vor den letzten Teil der Distler-Passion eingefügt, was angesichts der Länge von etwa einer Dreiviertelstunde erst mal verwundert, aber doch stimmig wirkte. „Via crucis“ wurde von Stefan Fritz an der orgel begleitet, der diesen spröden Part überzeugend umsetzte. Distler komponierte seine Passion für fünfstimmigen gemischten A-cappella-Chor und zwei Vorsänger. Dem Chor obliegen hier lediglich die Partien des Evangelienberichtes, in denen eine Personengruppe spricht oder ruft. Die Soprane müssen oft in der oberen Grenzlage agieren. Auch das gelang ausgezeichnet.
Insgesamt wirkte der Chor sehr ausgewogen; er transportierte glänzend die vielgestaltigen Stimmungsgehalte vom Lobgesang bei Jesu Einzug in Jerusalem bis zum Chor der Spötter auf dieselbe Melodie. Die kürzeren Soli, etwa des Judas oder des Pilatus, waren mit sicheren Bässen besetzt. Die beiden Vorsänger hatten zum Teil recht lange leicht kirchentonartlich gefärbte Deklamationen vorzutragen. Den Evangelisten sang Gert Bachmeier mit schlankem Tenor und ausgezeichneter Wortverständlichkeit. Claus Temps gestaltete die Jesusworte mit seinem wunderbar warmen sonoren Bass voller Innigkeit: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ dürfte bei manchem eine Gänsehaut verursacht haben. So waren die Zuhörer am Ende gespalten zwischen Andacht und dem Wunsch, ihre Begeisterung über die musikalische Qualität der Aufführung in Applaus umzumünzen.
