„Ergreifende Schlichtheit und Größe” (BNN)

Carsten Wiebusch leitete Bachs Matthäuspassion in der Karlsruher Christuskirche

„Nicht Bach! Meer sollte er heißen.“ Beethovens Reverenz, die uns heute ganz selbstverständlich erscheint, war noch im frühen 19. Jahrhundert ein vereinzelter Lobruf. Erst 1829, zwei Jahre nach Beethovens Tod, rückte Johann Sebastian Bach erneut in das musikalische Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit, als der 20-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy mit der Berliner Singakademie jenes Werk wiederaufführte, in dessen Monumentalität, Vollkommenheit und musikalisch-theologischem Tiefsinn man das eigentliche Vermächtnis des Thomaskantors erblickt: die Matthäuspassion.

Bachs Passionen entstanden zur Karfreitagsliturgie in der Leipziger Thomaskirche. Dort fand höchstwahrscheinlich 1727 die erste Aufführung der Matthäuspassion statt, und der Kantor der Christuskirche, Carsten Wiebusch, führte eine große Tradition weiter, als er im Verein mit den beiden hervorragend disponierten Chören an der Christuskirche, dem Oratorienchor und dem kammerchor, dem Mädchen- und Knabenchor Cantus Juvenum Karlsruhe, dem Karlsruher Barockorchester und einer Reihe kompetenter Solisten in dem vor Besuchern berstenden Gotteshaus am Mühlburger Tor sensibel und mit großem Überblick alle Kräfte vereinte, um diesem Monument musikalische Gestalt zu verleihen.

Mit den Gesangssolisten war eine durchweg glückliche Wahl gelungen. Bernhard Berchtold entfaltete den Passionsbericht des Evangelisten plastisch und eindrücklich, im Erzählton gemessen deklamierend und außerordentlich textverständlich.

Der Moment des Todes Jesu („Aber Jesus schrie abermal laut, und verschied“) gelang ihm — und dem antwortenden Chor („Wenn ich einmal soll scheiden“) mit ergreifender Schlichtheit und Größe. Der Bariton Tobias Scharfenberger verlieh den Christusworten sonore Gelassenheit und Würde. Mit schönem, volltönendem Bariton bewältigte Falko Hönisch die ihm zugewiesenen Arien und Partien (Judas, Petrus, Pilatus).

Gabriele Grund sang ihre Altpartie mit Wärme, Glanz und verhaltener Leidenschaftlichkeit („Erbarme dich Mein Gott, um meiner Zähren willen!“); ihr zur Seite stand die Sopranistin Kirsten Drope, die ihren Part mit weichem, präzise und nuancenreich geführtem Sopran meisterte. In dem Karlsruher Barockorchester fanden die Solisten zudem eine meisterhafte Begleitung.

Die Musiker unter der Leitung von Kantor Carsten Wiebusch boten eine ebenso gewaltige wie bewundernswerte Andacht, dreistündige musikalische Osterbotschaft vom Leid zu Hoffnung und Freude, die zu einem schönen Moment des Innehaltens und der Andacht wurde.